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Stories
 
MoHorinzon
Reinhold Köhler
 
In weiter Ferne, so nah

Mo’ Horizons entzaubern den Leistungs-Begriff

Nachdem der so genannten Spaßgesellschaft der letzten Jahre nach einem Blick in den Geldbeutel auch der letzte Lacher vergangen ist, wird wieder allenthalben die gute, alte Leistungsgesellschaft elitärer Prägung propagiert. Vorbei die Zeiten, als Looser-Chic und Sozialamts-Ästhetik zum vorherrschenden Slacker-Image hochstilisiert wurden und man bei den Mädchen mit dem Hinweis, ein freies, alternativ-undergroundiges Leben zu führen, noch für ein Glitzern in den Augen sorgen konnte. Nun wird wieder ungeniert auf finanzielle Liquidität und Status geschaut und der weiche Schoß der Karriere fühlt sich irgendwie bequemer an, als die ausgebeulte Kordhose des Herumtreibers und Bohèmiens.

Doch kaum wird wieder allenthalben kräftig mit der Kohle geklimpert, formiert sich auch schon Gegenwehr. Die beiden Hannoveraner Weltenbummler Ralf Droesemeyer und Mark „Foh“ Wetzler alias Mo’ Horizons haben sich noch nie um gesellschaftliche Strömungen und ökonomische Zwänge geschert und Propagieren nun mittels eines neuen Longplayers „Mo’ Horizons And The New Bohemian Freedom“. Ganz nach dem etwas vergilbten Werbe-Spruch „Die Freiheit nehm’ ich mir“ verarbeiten sie hier ihre kosmopolitischen Eindrücke der letzten Zeit zu jener Mischung lässiger Sounds, die nach dem Lounge-Hype der späten 90er Jahre ein wenig in der Versenkung, zumindest aber in den Hinterzimmern schummeriger Cocktailbars verschwunden ist.

Latin meets Jazz meets Dance – darin manifestiert sich die neue Freiheit im Zeitalter der gepflegten Profilneurose? „Die Tatsache, dass wir fast überall auf der Welt unsere Musik spielen, präsentieren und aufnehmen können, kombiniert mit der Tatsache, dass wir mit einem kleinen Label (Stereo Deluxe) zusammen arbeiten, gibt uns das Gefühl, in so einer Art Böhmischem Frieden zu sein“ so Mark. „Wir haben alle künstlerischen Freiheiten und können unser Leben so gestalten, wie wir es gerne wollen. Das ist eben anders, als das, was unsere Gesellschaft größtenteils ausmacht.“ Doch wie sieht das Leben eines modernen Bohémiens de facto eigentlich aus? Schließlich hat man bei diesem Begriff immer noch das Bild eines abgeranzten Malers im Kopf, der im Pariser Stadtteil Montmartre umherirrt und versucht, fetten Touristen eines seiner Bilder zu verhökern.

„Wenn man das auf die gesellschaftlichen Bohémiens der Jahrhundertwende bezieht, ist der Vergleich darin zu suchen, dass die Musiklandschaft bisher hauptsächlich von Major-Labels regiert und in marketing-kompatible Schubladen eingeteilt wurde. Momentan entwickelt sich jedoch überall eine Sub-Label-Kultur, die der Diktatur der Großen einiges entgegensetzten kann. Die Bohémiens lösten sich damals auch von den moralischen Ansichten der Gesellschaft und scherten sich nicht um allgemeine Konventionen. Sie hatten es eben satt, sich von irgendjemand sagen zu lassen, wie ein Gedicht strukturiert, ein Bild gemalt oder ein Musikstück geschrieben sein muss. Und genau darin liegt die Parallele zu dem, was wir machen. Wir lassen uns auch nicht vorschreiben, dass die Hookline eingängig, der Beat tanzbar und der Refrain so oder so klingen muss.“

Klare Worte also von einem DJ- und Produzenten-Duo, das auch in der Vergangenheit gerade durch seine globale Nonchalance überall auf dem Planeten auf offene Ohren stieß. Den Vorwurf, mit ihrem locker-groovigen Sound nur ein weiterer, farbloser Baustein im großen Haus der Fahrstuhlmusik zu sein, entkräften sie hingegen mit jedem Album neu, so auch diesmal. Denn „Mo’ Horizons And The New Bohemian Freedom“ birgt unter dem scheinbar glatten Oberfläche der Cocktailtrinker- und Fingerschnipper- Ästhetik ein wahrlich buntes Sammelsurium bildgewaltiger, musikalischer Globalisierung und beweist so, dass manch scheinbar fauler Künstler aus eigener Kraft weit mehr für die humanitäre Entwicklung der Erde geleistet hat, als viele gesellschaftlich anerkannte Karrieristen, die auf dem Weg zum plutokratischen Bausteinchen ins Nirgendwo abrutschen. Am Ende siegen dann oft Gier, Neid und Gehässigkeit. Mo’ Horizons stehen so lange irgendwo an einem sonnig-warmen Strand und entdecken neues Land. Choose your destiny.

 
 
 
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