 | |
Diese Mauer steht für immer
„In der Einfachheit liegt die Kraft“ - Happy Birthday: 10 Jahre Wall of Sound
“Peace“ steht auf seinem T-Shirt und in sich friedlich ruhend sitzt einem Marc Jones, Mitgründer vom Bristoler Wall Of Sound-Records gegenüber, der das 10jährige Jubiläum seines Kultlabels sehr zu genießen scheint. „Wir haben immer nur nach purer und guter Musik gesucht, Genrebegrenzungen haben uns nie interessiert. In der Einfachheit, nur das Gute zu suchen, liegt die Kraft.“
Fasst er so lakonisch wie pur die Labelphilosophie zusammen. Angefangen hat – wie so oft – alles in einem Plattenladen in England, nachdem Jones Jahre zuvor von seinen Eltern in Westlondon einen Synthesizer geschenkt bekam und „jahrelang nur einen Ton, na ja fast nur einen Ton spielen konnte“. Vorher jammte er bei einer ziemlich unbekannten Band namens „Perfect Day“, benannt nach einem Lou Reed-Song: „Aber wir machten eher so etwas wie Sport Rock, nicht wirklich erwähnenswert“ so Jones. Dann traf er auf Marc Lessner und beide starteten die "Give `em enough dope" - Reihe, bei der Nu Skool gegen Old Skool antrat und die von Anfang an die später so typische Wall of Sound-Identität transportierte.
„Unser Focus lag und liegt auf dem langfristigen Aufbau unserer Acts, um eigenständige Künstlerkarrieren zu entwickeln.“ Eine Politik, die aufging: In der Zwischenzeit sind Wall of Sound-Künstler nämlich längst zu Megastars avanciert, wie die klangvollen Namen Propellerheads, Les Rhythmes Digitales, Mekon, Akasha, Wiseguys, Zoot Woman, Jon Carter, Strikeboys, Dirty Beatniks u.a. beweisen. Dass man im Hause Wall Of Sound auch durchaus zu labelübergreifenden Kooperationen bereit ist, zeigte die in Zusammenarbeit mit Howie B's Pussyfoot Records entstandene Compilation »Wall Of Pussy«.
Howie B., einer der angesehensten Produzenten der Londoner »abstract beats«-Bewegung, machte 1996 mehr als fünftes Rad am U2-Tour-Bus als durch eigene Platten von sich reden. Doch zurück zu Marc Jones: Der traf 1993 im angesagten Club Special Brunch also auf Mark Lessner. Lessner verkaufte Platten und Jones betreute das Visual Design, während Gilles Peterson, Pete Tong und Nicky Holloway an den Decks arbeiteten. Lessner und Jones verstanden sich auf Anhieb und konnten sich so auch über die Vielfalt ihrer Idole austauschen: „Wir beide standen auf Led Zeppelin und The Monkees genauso wie auf The Cure und eben Phil Spector, der ja namensgebend für Wall Of Sound war.
Um auch ihm Referenz zu erweisen, nannten wir eben unser Label so.“ berichtet Jones. „Give´em Enough Rope“ war dann die erste erfolgreiche Compilation auf dem noch jungen Label, mit der man der damaligen Independent-Dance-Szene Tribut zollen wollte, „auch wenn ich die Begriffe wie Independent und Underground heute nicht mehr so benutzen würde." erklärt Jones. „Denn Platten verkaufen wollen wir doch alle. Man darf auch trotz des grossen Erfolges seine Integrität nie aufgeben. Und ob Du nun die Propellerheads, Zoot Woman oder Les Rhythmes Digitales als Underground bezeichnest oder nicht, ist dabei doch eigentlich egal.“ Ihren Durchbruch feierten die Jungs von Wall Of Sound dann 1994 mit der Football-Samba-Single „Maracana Madness“ von E-Klektik, die auch auf der nun erschienenen Jubiläums-CD enthalten ist. Der wohl noch grössere Top-Hit war „Take Caliornia“ von den Propellerheads, ein Stück, das die Propellerheads über Nacht zur bestverkaufenden Danceband aller Zeiten in England nach The Prodigy machte.
Auch „History Repeating“ mit Shirley Bassey führte die Propellerheads wieder in die Charts und machte „Decks And Drums and Rock And Roll“ zum wohl einflussreichsten Dance-Album des Jahres 1998. „Start The Commotion“ der Wiseguys und die Zusammenarbeit mit dem Brightoner Label Skint festigten den Status von Wall Of Sound zusätzlich, und so konnte das Label u.a. im Londoner Kultklub The End ebenso Resident-DJ-Erfolge verbuchen, wie auf ihren monatlichen Back 2 MONO-Nights. Auch der Techno-Folk von American Analog Set, deren „The Postman“ ebenfalls auf der Geburtstags-Compilation enthalten ist, hat die Position von Wall Of Sound weiter gestärkt. „Der ganz grosse Durchbruch kam dann eben mit den Norwegern von Röyksopp, die ja letztes Jahr auch einen MTV-Video-Award gewannen und inzwischen so etwas wie unser Aushängeschild sind.“ sagt Jones. Aber auch Acts wie The Bees, Medicine, Shawn Lee oder Akasha (in Kooperation übrigens mit Neneh Cherry!), die ebenfalls auf der Jubiläums-Scheibe zu hören sind, haben den Radius in Richtung House, Techno und Pop erweitert.
Die drei Inhouse-Labels Bad Magic (Hip Hop), Nu Camp (Dance) und We Love You (Alternative) bieten zusätzlich zum Kerngeschäft viel Raum für den Aufbau neuer Talente und werden Wall of Sound's Position als eines der innovativsten und spannendsten englischen Labels weiter festigen. Als Les Rhythmes Digitales 1999 zusammen mit Nick Kershaw und Shannon „Darkdancer„ veröffentlichten, und Zoot Woman „Living in A Magazine“ herausbrachten, hatte man dem Ruf als Trend-Schmiede erneut alle Ehre gemacht, konnte man sich so doch als Vorreiter des bald darauf folgenden Eighties-Revivals in der Liste der Tastemaker noch weiter oben festsetzen.
Und auch die Band Medicine aus USA, bei der Shannon Lee, die Tochter des Kung Fu-Kämpfers Bruce Lee mitspielt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Doch wie kann Mark Jones angesichts der Flut an Projekten und Akteuren eigentlich den Überblick behalten? „Ganz ehrlich, so leicht ist das nicht. In den letzten zehn Jahren haben wir 500, 600 oder noch mehr Releases veröffentlicht. Ich weiss es wirklich nicht genau. Sagen kann ich nur, dass ich nach meinem Herzen und meinem Gefühl gehe und nur auf pure und gute Musik stehe. Wer mir und meinen Mitarbeitern jetzt also etwas schicken möchte, nur zu. Ich kann aber nicht wirklich für etwas garantieren, denn für die nächsten zehn Jahre Wall Of Sound haben wir genug in petto. Und ich versichere, dass das, was wir noch herausbringen, wieder ganz neue Stilrichtungen ergeben wird. Wartet nur ab.“
|