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NILS PETTER MOLVAER
Die Flüssigphase im festen Zustand

Ether sind Abkömmlinge der Alkohole oder des Wassers. Bei dem Wasser ersetzt man einfach die beiden Wasserstoffatome durch einen Rest. Wenn dieser Rest zwei Ethylgruppen sind (C2H5), dann spricht man von Diethylether, oder in der Kurzform Ether. Diese Ether sind meist leichtbewegliche Flüssigkeiten von großer Flüchtigkeit und Brennbarkeit. Der Siedepunkt von Diethylether liegt bei 34,6 Grad Celsius. Dieser Stoff hat einen angenehmen süßlichen Geruch und ruft bei längerem Einatmen Bewußtlosigkeit hervor. Doch fester Ether? Wer im Chemiunterricht gut aufgepasst hat, der weiß, dass dies so unvereinbar ist, wie zum Beispiel Jazz und Elektronik. Das zweite Album von Nils Petter Molvaer bringt es mit sich, dass wir uns
über ganz neue Dinge Gedanken machen müssen. Wann wird was wie fest, um später wieder in der Mittagshitze zu einem schmierigen Brei zu verlaufen? Gelten dann die üblichen Vorgaben noch und wer darf diese überhaupt ausgeben? Ein Gespräch mit dem Nils sollte die Antworten geben. Schließlich hat dieser vor kurzem sein zweites Album "Solid Ether" veröffentlicht und geht auch diesmal wieder auf knallharten Konfrontationskurs zwischen den Festphasen "Jazz" und "Elektronischer Krimskrams" auf der einen und "New World Order" auf der anderen Seite. Das Ergebnis klingt letztendlich wie eine durchzechte Nacht auf einer Heizdecke mit Wackelkontakt. Aber so soll Musik auch sein. Nicht nur hämmern ­ auch ´mal nachsehen, woher eigentlich die Nägel kommen.

"Solid Ether" hört sich so an, als ob es schnell ging, dieses Album einzuspielen.
Naja. Es hat nicht besonders viel Zeit in Anspruch genommen, doch es ist niemals leicht. Ich hatte ja auch noch die doppelte Arbeit zu erledigen, da ich selbst auf den Aufnahmeknopf drücken mußte und die gesamten Sessions selbst mitschnitt. Dann kam die Postproduction (mit ProTools) und ich musste
mich durch diesen gigantischen Berg von Soundfiles arbeiten, bis dann schließlich "Solid Ether" seine Gestalt annahm. War es nun für Dich als Künstler leichter, die Ideen für "Solid Ether" zu sammeln?

"Khmer" hörte sich im Gegensatz zu seinem Nachfolger doch sehr eng und konzentriert an.
Nachdem "Khmer" im Kasten war, hörte ich das Album für mindestens 18 Monate
nicht mehr. Während dieser Zeit ging es mir niemals um etwas wie Mut, wenn ich über Songs für das neue Album nachdachte.

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Es war mir klar, dass es wieder einen Entwicklungsprozess geben wird, dem ich mich ganz prinzipiell nicht entziehen kann und der schließlich auch die Strukturen des Albums vorgeben wird. Aber ich wollte etwas mehr Kontraste in die Songs bringen. Und so kam es, dass Du diesmal auch eine Sängerin mit im Studio hattest? Richtig. Aber nicht nur die Stimme, sondern auch die Texte sollten die Kontrapunkte setzen. Dann spielte ich auch noch selbst Piano, was in den letzten Jahren doch relativ selten wurde.

"Solid Ether". Beschreibe bitte dieses Album.
"Solid Ether" ist ja ein ziemlicher Gegensatz. Dahinter verbirgt sich ein Album, das all das enthält, was ich mag: Beats und Kontraste. Wäre ich Frank Sinatra, würde ich sagen: "I did it my way". Wichtig sind mir noch die Remixes zu diesem Album. Jeder Song wird einer Reihe von Künstlern vorgelegt und die sollen dann vor allem den Gedanken mit den Beats vorantreiben. Uns, und damit meine ich meine Band und mich, soll es auch musikalisch weiterbringen, da wir ja nun auch versuchen müssen, das Ganze live umzusetzen. Ich habe das große Glück, dass ich ein paar sehr, sehr gute
Musiker gefunden habe und wir sind zuversichtlich, dass diese Umsetzung klappen wird. "Khmer" hatte auch mit einigen "Kinderkrankheiten" zu kämpfen. Also versuchte ich in der Zeit zwischen den Alben die nötigen Impfstoffe zu finden, um dann "Solid Ether" den nötigen Schutz vor diesen Zipperlein geben zu können.

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Diese Kinderkrankheiten sind ja in der Entwicklung eines Kindes ein ganz normaler Vorgang und tun der Entwicklung auch keinen Abbruch, doch ich wollte, dass bei meinem zweiten Album bestimmte Dinge besser gemacht werden.

Wie entstanden die unterschiedlichen Sketches?
Auf unterschiedlichen Wegen. Zum Teil auf vorgegebenen Programmierungen von mir selbst, zum anderen auf Improvisationen, bei denen zum Teil nur ein Sound oder eine Linie aus meinem NordLead vorgegeben war. Ich hatte da keine festen Vorgaben gesetzt. Wieso auch.

Wie war Dein ganz persönlicher Weg zu den elektronischen Beats?
Der Kontakt bestand schon viele Jahre. Also schon seit den 70ern. Ich nahm sehr viel davon in mir auf und spontan fallen mir zum Beispiel James Brown und Brian Eno ein, die mir gut gefielen und später dann zum Beispiel Maurizio mit seinen "Basic Channel"-Sachen. Beats sind für mich als Trompeter ganz leicht umzusetzen und so habe ich für die kommende Tournee auch 2 Drummer und 2 DJs dabei, die den nötigen "Teppich" auslegen werden.
Es wird also ein ziemlich aufregendes Ding und ich komme mir schon jetzt wie ein verrückter Cowboy vor, der vier verrückte Pferde im Griff haben muß.

Aber wieso hast Du dir gerade die elektronische Art der Klangerzeugung für
deine Zwecke ausgesucht?

Es war schon dieses stetige Interesse an dieser Welt. Die Neugierde. Ich fühle mich bei der Arbeit damit sehr wohl. Die Arbeit mit der Elektronik bringt immer wieder etwas Neues und Aufregendes mit sich. Man fühlt sich ständig wie ein kleiner Junge, der sein Radio auseinanderschraubt, weil er von der Technik so fasziniert ist. Es entspricht meiner Persönlichkeit mehr, als die Standard-Jazz Musik.

War es denn nur eine Frage der Zeit, bis sich Jazzmusiker in dem Maße, wie Du es nun vorgeführt hast, der elektronischen Klangerzeugung bedienen? Hat die DJ-Culture wirklich etwas in der Art auslösen können?
Die Zeit bringt es mit sich, dass der Globus kleiner und die Informationen immer mehr sowie schneller verfügbar werden. Morphen gehört grafisch schon lange zum Alltäglichen und so sollte es nun auch mit der Musik geschehen. Natürlich waren es auch die treibenden Grooves, die vielleicht die eine oder andere Entwicklung vorangetrieben haben, doch letztendlich bedienen wir uns dieser wahnsinnigen Möglichkeiten, die uns die Computer zur Verfügung stellen.

Udo Meißner

Nils Petter Molvaer -live-
26.05. Bremen, Modernes
05.06. Köln, Stadtgarten (Trienale)
01.07. Bonn, Rheinauenpark (Rheinkulturfestival)
04.07. Bochum, Bahnhof Langendreer
05.07. Kassel, Kulturzelt-Festival
06.07. Darmstadt ,Central Station
10.07. Muenchen, Muffathalle
11.07. Karlsruhe, Zeltival-Festival
13.07. Erlangen, E-Werk
14.07. Jena, Kulturarena-Festival
15.07. Berlin, Tränenpalast (Scandinavian Nights Festival)
17.07. Stuttgart, Theaterhaus
21.07. Hamburg, Westport-Festival

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